Focus online: Kinder besser vor Gewalt schützen

Focus online Marta Santos Pais
30/06/2011

 

Missbrauch und Schläge: Der Unicef-Report 2011 offenbart, dass weltweit bis zu 1,5 Milliarden Kinder körperlich missbraucht werden. Die Kinderschutzorganisation moniert, dass zu wenige Staaten ihre kleinen Bürger per Gesetz schützen.

Statt Hausarrest und Fernsehverbot setzt es Schläge: Der Unicef-Kinderreport 2011 offenbart, dass in Entwicklungs- und Schwellenländern drei von vier unter 14-Jährigen in ihren Familien gewaltsam bestraft werden. Gewalt in Familien ist kein Problem, das nur arme Länder haben: In Deutschland werden rund 13 Prozent der Heranwachsenden misshandelt. „Die internationalen Erfahrungen zeigen, dass leistungsfähige Gesetze und eine gut abgestimmte und ausreichend finanzierte nationale Strategie der wirksamste Weg zur Umsetzung der Kinderrechte sind“, sagte Marta Santos Pais, UN-Sonderbeauftragte zu Gewalt gegen Kinder. Doch genau das ist laut Unicef ein Problem: Nur 29 von rund 200 Staaten haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung gesetzlich festgeschrieben. In 80 Ländern ist es sogar noch erlaubt, dass Lehrer ihre Schüler gewaltsam bestrafen dürfen.

Der sexuelle Missbrauch ist eine Form der Gewalt, die am häufigsten im Verborgenen geschieht. Die Dunkelziffer sei sehr hoch, schreiben die Autoren in dem Bericht. So werden zum Beispiel in den EU-Ländern die Jugendämter nur in einem von zehn Fällen von sexuellem Missbrauch informiert. Die Kinderschutzorganisation wertete die Anrufe in 62 Ländern des Nottelefons der Organisation „Childhelpline International“ aus – demnach gab es im Jahr 2009 über 250 000 Anrufe – die meisten Opfer klagten über Mobbing, körperliche Gewalt und sexuellen Missbrauch.

Minderjährige Sextäter

Am häufigsten werden Kinder und Jugendliche der Unicef zufolge von Personen missbraucht, zu denen sie Vertrauen haben oder die für sie eine Autorität verkörpern – Verwandte, Nachbarn, Schulbedienstete oder Betreuer. In 75 bis 80 Prozent der Fälle kennen die Kinder die Täter. Schätzungsweise 20 bis 50 Prozent der Taten werden von Minderjährigen begangen, Ein großes Manko ist dem Report zufolge die lückenhafte Zusammenarbeit zwischen sozialen Diensten und Gesundheitseinrichtungen. Häufig seien die Mitarbeiter nur unzureichend auf den Umgang mit diesen Problemen vorbereitet. Gleichzeitig müssen Beratungs- und Hilfsangebote auf lokaler Ebene gestärkt und ausgebaut werden. Vor allem müssten gesetzliche Regelungen getroffen werden, die die Zusammenarbeit von Schulen, Kindergärten und Heimen definieren.

Der Bericht macht auch auf das zunehmende Mobbing unter Schülern aufmerksam. Etwa fünf Prozent der Jugendlichen in Europa würden über das Internet oder Handy gemobbt. Der Anteil der Betroffenen, die direkt Opfer von Cyberbullying würden, ziehe weite Kreise. „Die Forschung muss verstärkt werden, um neue Gewaltrisiken wie zum Beispiel durch das Internet, besser begegnen zu können“, sagt Marta Santos Pais. Nur so ließen sich Risikofaktoren, die Gewalt begünstigen, besser verstehen.

Die Unicef ruft die Regierungen dazu auf, kleine Bürger per Grundgesetz zu schützen. Nur wenn Kinderrechte in der Verfassung verankert wären, könnten Kinder und Jugendliche sie auch einklagen.